Das knallbunte Leben
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  • Dunkelrestaurant

    Geschrieben am 20. August 2011 Heike Schulze Keine Kommentare

    Vorgestern war ich mit meiner Freundin im Dunkelrestaurant. Es war für uns beide eine völlig neue Erfahrung. Wir wurden von einem blinden Kellner an unsere Plätze geführt und es war in dem Restaurant so finster, dass alles nur tiefschwarz war. Es machte keinen Unterschied, ob ich die Augen offen oder geschlossen hatte – die Schwärze war genau gleich.

    Es gab ein 4-Gänge-Menü und schon beim Salat stellte ich fest, dass es gar nicht so einfach ist, nichts zu sehen und das, was ich grad so aufgespießt habe, auch auf der Gabel zu behalten. Die kleine Tomate, die dem Salat beilag, wirkte ziemlich schwer auf der Gabel im Gegensatz zu den Salatblättern und auch die Avocado wirkte sehr schwer. Avocado

    Gleichzeitig schmeckte alles viel intensiver als sonst. Ja, ich gehe sogar so weit zu sagen, dass ich den Geschmack von jeder Speise, die ich dort gegessen habe, wieder abrufen kann. Dieses Geschmackserlebnis hat sich im Gehirn irgendwie festgesetzt.

    ErbsenAls zweiter Gang kam eine Erbsensuppe, die so schmeckte, als wären die Zuckererbsen dafür gerade frisch geerntet worden. Im Grunde war der Erbsengeschmack fast wie rohe Erbsen, aber die Suppe war heiß…

    Dann gab es Rosmarinkartoffeln, Zucchini, Tomate, Artischocke und eingelegten Tofu, der fast wie Räuchertofu schmeckte. Auch alles sehr lecker. Und zum Schluss: Auf einem länglichen Teller serviert gab es Mangomus mit Chili, dazu weiße Kaffeemousse mit einem Zitronentörtchen. Mango in Verbindung mit Chili kannte ich so noch nicht, ist aber ein sehr interessanter Geschmack.

     

    Wir verloren jegliches Gefühl für Zeit. Es war kurzweilig, dennoch dauerte das Essen 3 Stunden. Unseren blinden Kellner brauchten wir nur beim Namen zu rufen und schon war er da. Interessant war auch, dass es mir zunächst so vorkam, als wäre das Gemurmel der anderen Gäste um uns herum recht leise.

    Dann gab es immer wieder mal kurze Phasen, in denen an einem Tisch ein etwas größeres Gemurmel herrschte. Es hörte sich mitunter fast ein bisschen so an wie in einem Bahnhofsrestaurant, in dem manche Gäste nach Aufruf ihres Zuges plötzliche Hektik verbreiten.

    Ich stellte zwischen Hauptgang und Dessert fest, dass meine Augenlider sehr schwer wurden und ich ließ die Augen zu – es sah ja eh keiner. Als wir nach 3 h wieder in die Helligkeit (na ja, so sehr hell war es nicht – im Barbereich war gedämpftes Licht) kamen, waren Teile von mir sogar etwas enttäuscht, denn dieser Reizentzug des Sehsinnes im Restaurant hat meine anderen Sinne sehr geschärft und nun kam plötzlich wieder das ganz normale Leben mit allen Sinnen auf mich zu, obwohl mir doch die Augenlider sooo schwer waren!

    Ich habe in der S-Bahn dann auch fast nur noch geschlafen. Als ich zu Hause meine Emails abrief, konnte ich gar nicht so richtig nachvollziehen, was da drin steht und hab mir gedacht, erst mal schlafen, um die Mails kümmere ich mich morgen…

     

    Resümee

    Am nächsten Morgen nach dem Wachwerden lag ich 1,5 h lang total glücklich in meinem Bett und fühlte mich ziemlich entschleunigt. Und dieser wunderbare Zustand hat – mit kleinen Aufs und Abs – den ganzen Tag lang angehalten. Für mich war dieser Restaurantbesuch eine hochinteressante Entschleunigungserfahrung.

    Auch mein Freund meinte, ich wirke irgendwie zentrierter. Ich werde auf jeden Fall noch einmal ein Dunkelrestaurant besuchen – Berlin hat ja mehrere. Diesmal war ich in der www.unsicht-bar.de. Also, falls Du das auch mal erleben möchtest – unbedingt mal ausprobieren und gib‘ mir bitte eine Rückmeldung, wie es Dir gefallen hat.

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