Das knallbunte Leben
RSS Icon Email-Icon
  • „Trauma und Traumafolgestörungen“ – Vortrag von Frau Prof. Dr. Luise Reddemann

    Geschrieben am 11. Juli 2012 Heike Schulze 4 Kommentare

    Gestern war ich in der Buchhandlung der Lehmanns Media GmbH in Berlin bei dem o. g. Vortrag. Vor einiger Zeit habe ich selbst sehr aktiv und erfolgreich mit den Imaginations-CDs von Frau Prof. Dr. Reddemann gearbeitet und ihr Buch dazu gelesen. Ich habe mir auch einige Vorträge auf DVD von ihr angesehen und daher fand ich es spannend, diese interessante Frau einmal real zu erleben.

    Der Haken war nur: Ich habe im Internet gesehen, dass die Veranstaltung schon ausverkauft war und es nur noch Restkarten gab. Egal, dachte ich mir, irgendwie komme ich schon rein in den Vortrag. Als ich eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn an der Buchhandlung eintraf, war da schon eine große Traube von Menschen, die offensichtlich den gleichen Gedanken hatten wie ich.

    Ich muss sagen, ich habe noch nie in einer so angenehmen „Wartegemeinschaft“ gewartet. Alle waren guter Dinge und ab und zu wurde ein Name aus der – bereits geschlossenen – Warteliste aufgerufen. Die Zeit des Vortragsbeginns rückte immer näher und die Menschentraube war immer noch groß. Und gut drauf! 😉

    Dann hieß es, wir könnten alle rein zu dem Vortrag, aber es würde nur noch Stehplätze geben. Das war mir egal. Und den anderen auch. Es war zwar warm in der Buchhandlung, aber es war auch total urig. Eine höchst angenehme Atmosphäre. Ich machte es mir bequem und wartete auf die Dinge, die da kommen würden.

     

    PITT – PsychoImaginative TraumaTherapie

    Zunächst erzählte Frau Prof. Dr. Reddemann, dass es Traumatherapie in Deutschland erst seit Mitte der 80er Jahre gibt. Nur wenige Psychoanalytiker haben bereits nach dem Krieg angefangen, Traumatherapie zu praktizieren. Mitte bis Ende der 90er Jahre, nach dem Unglück von Eschede, haben sich viele Therapeuten für Traumabehandlungen interessiert, wozu mit Sicherheit auch die Frauenbewegung und die Bücher von Alice Miller beigetragen haben. In Deutschland wurde es – im Gegensatz zu anderen Ländern – nach dem Krieg doch recht lange vermieden, sich mit dem Thema Trauma auseinanderzusetzen.

    Es gibt zwei Arten von Trauma:

    • Folgestörungen nach einmaligem Trauma (Posttraumatische Belastungsstörung – PTBS)
    • mehrfache Traumatisierung (komplexe PTBS)

    Das von Frau Prof. Dr. Reddemann entwickelte Verfahren der PsychoImaginativen TraumaTherapie (PITT) wurde für Menschen entwickelt, die mehrfach traumatisiert wurden. Ganz wichtig ist hier der Punkt, dass der Therapeut herausfindet, über welche Widerstandskräfte (Resilienz) der Patient verfügt, wie z.B. optimistische Lebenseinstellung, gutes soziales Umfeld oder sich selbst nicht die Schuld für die Traumatisierung zu geben. Auch ein Vermeidungsverhalten kann hier mitunter ein Resilienzfaktor sein.

    Frau Prof. Dr. Reddemann meinte, Therapie wäre erfolgreicher, wenn mit dem gearbeitet wird, was der Patient bereits hat. Also Stärken stärken statt Defizite verändern.

     

    Wie läuft eine Traumatherapie ab?

    Zunächst erzählt der Patient in den ersten Therapiestunden, welches Problem er hat. Er darf klagen und der Therapeut zeigt Mitgefühl. Gleichzeitig findet der Therapeut in den ersten drei Stunden aber auch heraus, wo die Ressourcen des Patienten sind. Er fragt z.B.: „Wie haben Sie das überlebt? Was und wer hat Ihnen geholfen?“

    Dann wird eine Zielvereinbarung getroffen. Was will der Patient erreichen?

    Ganz wichtig ist, dass der Patient nie das Gefühl bekommt, die Kontrolle zu verlieren. Daher wird der Therapeut immer wieder fragen: „Ist das okay?“ Frau Prof. Dr. Reddemann sagte, dass der Vorteil von Erklärungen in der Therapie überhaupt noch nicht erforscht worden ist.

    Es könnte also gut sein, dass es für eine erfolgreiche Traumatherapie sehr hilfreich wäre, wenn der Therapeut immer wieder erklären würde, was er tut. Ein Ziel der Traumatherapie ist es ja, dass sich die Selbstheilungskräfte des Patienten entfalten können. Diese können sich nur entfalten, wenn sich der Patient im Ressourcenzustand befindet und nicht in der Dissoziation. So ähnlich hatte es Prof. Dr. Hüther seinerzeit auch in seinem Vortrag erklärt.

    Hilfreich – nicht nur für Traumatisierte – ist es, ein Freudetagebuch zu führen. Ein Tagebuch, in das all die freudvollen, glücklichen, inspirierten Momente des Tages eingetragen werden. Ich mache das schon seit vielen Monaten und kann aus eigener Erfahrung sagen, ja, das stimmt!

    Wer sich bewusst macht, worüber er sich freut, freut sich einfach mehr. Unser Steinzeitgehirn, das immer noch meint, der Säbelzahntiger könnte gleich um die Ecke kommen und uns fressen, merkt sich eher die schlimmen Sachen als die guten. So ist der Mensch halt gestrickt. Deshalb ist es wichtig, sich die guten Sachen immer wieder bewusst zu machen.

    Emotionsforscher empfehlen, gehobene Gefühle richtig auszukosten, d. h. innezuhalten und sich klar zu machen: Ich freue mich gerade. Ich bin gerade glücklich. Ich bin gerade zufrieden. Ich bin gerade inspiriert. Dazu ist Achtsamkeit nötig. Neueste neurowissenschaftliche und psychotherapeutische Forschungen bestätigen diesen Ansatz. Ich finde hier eine Verbindung zu „The Tools“, denn auch dabei geht es um Achtsamkeit.

    Der Therapeut wird in einer Traumatherapie auch immer wieder Trost spenden. Es wurde herausgefunden, dass die Menschen ihre Selbstheilungskräfte am Besten entfalten können, die ein tragfähiges soziales Umfeld haben und die, denen andere Menschen sagen, ja, das war schlimm, was du erlebt und durchgemacht hast. In diesem Zusammenhang erwähnte Frau Prof. Dr. Reddemann den therapeutischen Ansatz von Viktor Frankl, der allerdings in Deutschland nicht abrechenbar und anerkannt ist.

    Ein Ziel der Traumatherapie ist es, dass der Patient sich selbst trösten kann. Das kann er z.B. durch Imaginationen, indem er sein jüngeres Ich selbst in den Arm nimmt und tröstet. Es gibt dazu zwei wunderbare CDs von Frau Prof. Dr. Reddemann – siehe ganz oben in den ersten drei Absätzen.

    Selbstzuwendung und Zuwendung zu anderen sind im Gehirn am selben Ort zu finden. D. h. wer sich um andere kümmern kann, kann sich auch um sich selbst kümmern – er muss halt nur mal die Richtung ändern. 😉

    Ein bedeutsamer Faktor in einer Traumatherapie ist das Misstrauen, das der Traumatisierte an den Tag legt. Deshalb ist der Aufbau einer sicheren, vertrauensvollen, Halt gebenden therapeutischen Beziehung wichtig. Frau Prof. Dr. Reddemann berichtete, dass ihr Ansatz der ist, eine Exposition, also die Konfrontation mit dem Trauma, schonend anzugehen.

    Der Patient muss Todesangst, Panik, Scham, Ekel und körperlichen Schmerz ertragen können, sonst kommt es zur Dissoziation. Deshalb ist der Ansatz der PITT, dass sich der Patient in der Vorstellung von dem Trauma distanziert und es aus der Beobachterperspektive wahrnehmen kann.

    Alles noch einmal so zu fühlen wie damals ist nicht so wichtig. Wichtig ist, sich bewusst zu machen: Es ist mir passiert, aber es ist vorbei. Es geht also darum, eine gewisse Distanz zu schaffen.

    Oft haben Traumatisierte auch eine desorganisierte Bindung, d. h. sie können sich in Beziehungen nie richtig sicher fühlen. In diesen Fällen muss die Exposition sehr gut vorbereitet werden. Und: Traumatisierte sollten unbedingt im Sitzen und nicht im Liegen behandelt werden.

    Frau Prof. Dr. Reddemann führte aus, dass eine Traumatherapie im Durchschnitt in den USA 10 Jahre (!!!) dauert und in den Niederlanden 3 – 4 Jahre bei 2 Sitzungen pro Woche.

    Im Anschluss an den Vortrag konnten noch einige Fragen gestellt werden, die Frau Prof. Dr. Reddemann beantwortete.

     

    Fazit

    Ich hätte Frau Dr. Reddemann noch stundenlang zuhören können, weil ich das Thema einfach so interessant finde. Ich fand es auch total spannend, wie viele Menschen sich für Traumatherapie interessieren und wie viele unter Traumen leiden – mitunter auch trotz langer Therapien. Was ich bei Frau Dr. Reddemann sehr sympathisch finde, ist ihre Natürlichkeit und dass sie ganz klar sagt, dass PITT nicht das Allheilmittel für alle ist.

    Wenn Du Frau Prof. Dr. Reddemann einmal selbst erleben möchtest – am 15. Januar 2013 ist sie wieder zu einer Lesung in der Lehmanns-Buchhandlung in Berlin. Übrigens empfiehlt Frau Prof. Dr. Reddemann therapiebegleitend die Rosen-Methode – sie hat nämlich das Vorwort zu dem Buch über die Rosen-Methode verfasst.

    Falls Du Dich auch – so wie ich – allgemein für das Thema Trauma und Traumaheilung interessierst, hier noch zwei Tipps:

    Zum Thema Trauma gab es im White Light System vom 07. – 09. September 2012 einen Vortrag und einen Workshop – den dritten White-Light-Workshop in Berlin. Auch das Innerwise-System befasst sich mit Traumen. Uwe Albrecht – der Begründer des Innerwise-Systems – arbeitet ja mit dem Weißen Ring zusammen und hatte auf dem Innerwise-Kongress über faszinierende Erfolge mit seinem System in Sachen Traumaheilung berichtet.

     

     

    ntworten zu “„Trauma und Traumafolgestörungen“ – Vortrag von Frau Prof. Dr. Luise Reddemann” RSS Icon

    • Guten Tag,

      ich habe Ihren Beitrag über den Vortrag von Frau Prof. Dr. Luise Reddemann mit Begeisterung gelesen. Nun meine Frage:
      Wie komme ich an die Termine, wo und wann Frau Prof. Dr. Luise Reddemann Vorträge für die „Allgemeinheit“ hält?
      Wäre schön, wenn mir Jemand einen Tipp geben könnten.

      Mit bestem Dank und schönen Grüßen

    • Martin Markgraf

      @Heike Schulz
      eine wissende Frau sind Sie, meine ich.
      Durch puren Zufall wurde ich am 15. Januar 2013 auf den Termin des Vortrages aufmerksam. Hat geklappt. War toll!
      Beeindruckend: Frau Reddemann leidet trotz allem Wissen noch immer unter eigenen Erfahrungen aus dem Krieg etc.
      Katastrophales Trauma heilt nie. Auch meine Meinung. Aber mit Achtsamkeit gibt es ein zufriedenes Leben, trotzdem.

      Herzliche Grüße
      Martin Markgraf

      • Heike Schulze

        Hallo Martin,

        dankeschön für das Kompliment. Na, ich glaube ja nicht an „Zufälle“. Es ist wunderbar, dass Sie in den Vortrag rein gekommen sind und dass er Ihnen gefallen hat. Ich finde auch, dass Frau Reddemann eine beeindruckende Frau ist.

        Mittlerweile hat sich meine Sicht auf das Thema Trauma sehr verändert durch meine Ausbildung zur White-Light-Begleiterin, da wir die Dinge dort mehr im feinstofflichen Bereich betrachten und nicht nur in der psychologischen Schicht. Die Erinnerung an ein Trauma wird immer bleiben. Achtsamkeit ist sehr wichtig. Und doch kann sich die Sichtweise auf das Trauma völlig verändern. Es ist möglich!

        Vielen Dank für Ihren Kommentar und herzliche Grüße,
        Heike Schulze


    Einen Kommentar schreiben

    CommentLuv badge